Dienstag, 1. Dezember 2015

China jetzt die größte Volkswirtschaft der Welt

Laut Berechnungen des internationalen Währungsfonds, die zurückgehen auf den World Economic Outlook im Oktober 2014, ist China jetzt die größte Volkswirtschaft der Welt. Dann ist es richtig, bezüglich auch der Stabilität der Sonderziehungsrechte, den Yuan in diesen Währungskorb zu integrieren.
Was bedeutet das für den Euro und die anderen Währungen? Inwieweit verschieben sich die Kräfte innerhalb der Weltwirtschaft?
Wir werden einen Anteil des Yuan bei den Sonderziehungsrechten des Yuan von ca. elf Prozent haben, und das wird sich in meinen Augen relativ gleichmäßig zu Lasten der anderen Währungen niederschlagen. Das ist für die andern Währungen kein Beinbruch, weil dieser Schritt ja nichts weiter ist, als der realwirtschaftlichen Realität in der Welt damit Rechnung zu tragen. Insofern sehe ich hier keine negativen Folgen für den Euro oder den US-Dollar, die daraus resultieren. Fakt ist jedoch, dass sich damit das gesamte Gefüge, sowohl in der Ökonomie als auch im Finanzwesen weiter verschiebt, damit ist Mittel und langfristig ein Pfad vorgezeichnet, wo Macht anders aufgeteilt wird, als es derzeit der Fall ist…
Kann man davon reden, dass der IWF gerade dabei ist, das System von Bretton-Woods und damit die Vormachtstellung des Dollars zu beenden?
Wir sind in einem Prozess, bereits seit ca. 20 Jahren, seit dem Beginn der Globalisierung, in dem sich die finanzökonomischen Machtachsen nachhaltig verschieben. Hatten die aufstrebenden Länder, die Entwicklungsländer im Jahre 1990 noch einen Anteil an der Weltwirtschaft von gut 20 Prozent, stehen sie heute für 60 Prozent der Weltwirtschaft. Wir haben also eine dramatische Veränderung der finanzökonomischen Machtachse und dem gilt es, Rechnung zu tragen.
An sich ist das Bretton-Woods-System sukzessive durch diese Verschiebung der finanzökonomischen Machtachse längst zur Disposition gestellt. Jetzt muss es nachvollzogen werden in den Strukturen, die wir auf internationaler Ebene im Bereich des Finanzsektors haben und ich glaube, dass das hier eher ein Nachvollziehen ist. Also nicht etwas, das nach vorne schauend vorgenommen wird, sondern es ist eben einfach eine Reaktion auf die Emanzipation der aufstrebenden Länder unter Führung der Achse: Peking-Moskau-Brasilia — Neu Delhi, die sich eben neue Strukturen geben mit der New Development Bank als Alternativinstitution zum Internationalen Währungsfonds, mit der AIIB als Alternativinstitution zur Weltbank oder mit CIPS, dem Zahlungssystem Chinas als Alternative zum SWIFT System im Westen — wir haben also längst eine Veränderung der Konstellation von Bretton-Woods, die uns latent beschäftigt und die jetzt durch diese Entscheidung des IWF noch manifestiert wurde.
Jetzt gibt es ja Bedenken, dass viele sagen, dass der Yuan an sich, als Währung ja nicht so frei ist, dass es eben immer noch von der Regierung festgelegt wird, wo der steht. Ist es ein Problem —  oder hat das in dem Moment gar keine Auswirkung?
Es ist natürlich ein Problem, weil grundsätzlich ist das Erfordernis da, dass man sogenannte freie Märkte im Bereich der Devisen hat. China ist auf dem Weg der latenten Liberalisierung des Yuan. Wir reden hier von einem Beitrittstermin nächstes Jahr im Oktober, und auf diesem Wege wird China weitergehen, aber China wird immer nur die Entscheidung treffen, die sie stabilitätstechnisch für sie selbst entschieden können. Es gibt meines Erachtens gar keine Entscheidung in China, die mit der heißen Naht genäht wird, sondern alles, was China in dieser Richtung macht, wird immer mit Stabilitätsaspekten für China verbunden bleiben. Da sehe ich aber keine Problematik, denn auch unsere Devisenmärkte in der westlichen Welt sind nicht mehr so frei wie wir es kennen, sondern wir bewegen uns in politisch akzeptierten Bandbreiten.
Was meinen Sie damit?
Mit politisch akzeptieren Bandbreiten meine ich, dass die Kurse für den Euro zum Dollar von der EZB mitbestimmt werden. Insofern lässt sich hier über das Thema verdeckte Einflussnahme auch reden. Seit der Finanzkrise 2008/2009 ist es mit der Freiheit nicht so bestellt wie davor. Die politische Hand an den Finanzmärkten ist erkennbar, die offene Steuerung des künftigen Zinsniveaus, dass auf die Beine gestellt worden ist, eine Steuerung auch insbesondere in den USA an den Aktienmärkten, die indirekt belegbar ist, und ähnliches – das gilt auch für die Devisenmärkte. Alles, was eine systemische Relevanz hat, hat heute bezüglich der freien Märkte einen politischen Nachgeschmack, und vor diesem Hintergrund ist dann die offene Gestaltung durch die People Bank of China des Yuan an den internationalen Devisenmärkten vielleicht gar nicht so ein großer Unterschied.
Vor einigen Monaten noch sagte man, die chinesische Wirtschaft würde schwächeln, und jetzt kommt der Schritt des IWF — wie passt das zusammen?
Es passt nicht zusammen. Im Grunde genommen haben sich die Statements der letzten zehn Monate, die über die chinesische Wirtschaft getroffen wurden, haben sich einmal mehr als Fehleinschätzung erwiesen. Die Wachstumsprognosen des IWF lagen zum Ende letzten Jahres für 2015 für China bei 7,1 Prozent. Nach drei Quartalen liegen wir bei 6,97 Prozent. Die große Verfehlung lag in den USA, aber mit der Thematisierung der eigentlichen Verfehlung der USA konnte man natürlich sehr schön von den maßgeblichen Verfehlungen von den USA ablenken.


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