Sonntag, 15. September 2013

Nachdenken

Die andere Seite des Schirms

Nach den Bildern der schrecklichen Massenkarambolage
auf der A1 kommt Werbung.
Ich beschließe zur Toilette zu gehen,
in meinen Gedanken noch das Leid der Angehörigen.
Durch die halb geöffnete Türe höre ich,
wie sich Johannes B. Kerner über seine gesunde
Ernährung freut.
Ich könnte auch gesünder leben,
schießt es mir kurz durch den Kopf.

Auf Kabel läuft ein Bericht über Dafur.
Ich lebe auf der richtigen Seite des Schirms
und schäme mich ein bisschen.
Was tun beim Anblick des Elends?
Ein Gefühl von Ohnmacht beschleicht mich.
Ich schalte um.
Es gibt immer einen Ausweg.
Bei DSDS tritt gerade eine grandiose Sängerin auf.

WDR, endlich eine Reportage.
Plötzlich bin ich ganz bei der Sache.
Es geht um eine Berliner Hauptschule,
ich mache mir gerade eine Flasche Bier mit Feige auf.
Das erlaube ich mir, weil es nur 2,5% Alkohol hat.
Es ist neu auf dem Markt, hat Eva erzählt.
Sie kennt es, aus der Werbung.
Der Rektor sagt, seit drei Jahren hätte keiner
der Schulabgänger mehr eine Lehrstelle bekommen.

Ich will gerade die Flasche ansetzen,
da sehe ich ein etwa 15 Jahre altes Mädchen.
“Wovon träumst Du”, fragt die Stimme aus dem Off.
“Von einem Praktikum bei Kaufland”, antwortet die Kleine.
Und, “aber daraus wird wohl nichts”.
Dabei schaut sie ganz verloren
und wirkt furchtbar zerbrechlich.
Der Zuschauer weiß, was aus ihr wird.
Sie weiß es auch.
Mir schießen Tränen in die Augen.
Das ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr passiert.
Krankenpflege härtet ab.
Ich schalte ab und einen Tee auf.

Die Illusion von vermeintlicher Sicherheit ist es mir wert,
zum Zuschauer und Voyeur geworden zu sein.
Weit weg von Opfern oder Tätern.
Geborgen in der anonymen Masse der Betroffenheits Gesellschaft.
Die Realität wird mir portioniert nach Hause geliefert,
in appetitlichen Dosen
und ich fresse Alles!

Ständig höre, sehe und lese ich dabei grauenvolle Dinge,
aber die Welt muss doch noch intakt sein.
Solange Dieter Bohlen Sprüche klopft
und sich Bauer Heinrich eine Frau sucht,….
da kann doch alles nicht so schlimm sein,
wie man immer tut.
Oder?
So ganz sicher bin ich mir nicht,

aber solange ich die Fernbedienung in der Hand halte,
habe ich die totale Kontrolle.